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Zur Datierung

Seit Veröffentlichung der Funde im Jahr 1967 gab es zahlreiche Veröffentlichungen und Forschungsberichte, die sich in Teilen auch mit der Entstehungszeit des Poblicius-Grabmals beschäftigten. Als Basis für die Datierungen wurden Charakteristika des Grabmals, wie Reliefs, Statuen, Inschrift und der Vergleich des Poblicius-Grabmals mit anderen Grabbauten und Fundstücken zugrunde gelegt. Anzahl und Umfang der verwendeten Charakteristika orientierten sich dabei an der Präferenz der jeweiligen Autoren.
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1971 datierte Professor Heinz Kähler das Poblicius-Grabmal in die spät-claudische / neronische Zeit um 50 bis 55 nach Christus. ( 2 ) Basis für seine Datierung waren vier Charakteristika des Grabmals:

 
-          der Faltenreichtum der Toga
 
-          die Haartracht der Modestus-Statue
 
-          die Ausführung der Bauelemente / Reliefs                  und
 
-          das in der Inschrift fehlende Cognomen des Poblicius
 
-          
 
Der in der vierten Inschriftzeile aufgeführte „Lucius Poblicius Modestus“ trägt im Gegensatz zu „Lucius Poblicius „ den Beinamen „Modestus“. Da diese Cognomina – laut Kähler - erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts gebräuchlich wurden, hat er u.a. daraus gefolgert, dass „Lucius Poblicius“ am Ende der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts bzw. kurz danach bestattet worden sein muss. Die Statue des vermeintlichen Poblicius, die heute in der mittleren Intercolumnie aufgestellt ist - schien diese Datierung ( 3 ) zu stützen, da bei dieser Statue die typisch claudische Frisur erkennbar ist, bei der die Haare oberhalb der linken Nasenwurzel gescheitelt sind.

Kaiser Claudius                                                            Poblicius Modestus                                                               _______________________________________

1979 datierte Professor Hanns Gabelmann das Poblicius-Grabmal in die claudische Zeit um 50 nach Christus. Basis für seine Datierung waren drei Charakteristika des Grabmals:

 
-          der Faltenreichtum der Toga
 
-          die Form der Toga mit Sinus und Umbo                 und
 
-          das in der Inschrift fehlende Cognomen des Poblicius

 
Einen Schwerpunkt legt Gabelmann auf die Form der Toga mit Sinus und Umbo, die - seiner Meinung nach - erst um 50 n. Chr. mit großer zeitlicher Verzögerung in den Provinzen Fuß fasst.
 
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1980 datierte Dr. Peter Noelke das Poblicius-Grabmal in die Zeit des Kaisers Caligula um 40 nach Christus. Basis für seine Datierung waren folgende drei Charakteristika des Grabmals:

 
-          die Haartracht der Modestus Statue
 
-          die Ausführung der Bauelemente / Reliefs                 und
 
-          vergleichbare Grabbauten und Steine

 
Noelke sah die Haartracht der Modestus-Statue als nicht claudisch an und war der Erste, der das Poblicius-Grabmal - entgegen der bis dahin etablierten Lehrmeinung nicht in die claudische, sondern deutlich früher - in die Zeit des Caligula datierte. Auch eine noch frühere Entstehung des Grabmals, bereits in tiberischer Zeit, hielt Noelke für möglich.
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2003 datierten die Professoren Henner von Hesberg und Werner Eck das Poblicius- Grabmal als früh-claudisch in die Zeit um 41 nach Christus. Basis für ihre Datierung waren zwei Charakteristika des Grabmals:
 
 
-          der Faltenreichtum der Toga                      und
 
-          die Ausführung der Bauelemente / Reliefs
              
 
Im Vergleich mit dem Grabmal des Dispensator Augusti, welches sie 2003 nicht in die augusteische, sondern in die tiberische Zeit datierten, erfolgte die etwas frühere Datierung des Poblicius Grabmals in die früh-claudische Zeit.



2017 datierten Dr. Hermann Krüssel und Dipl. Ing Josef Gens das Poblicius-Grabmal als augusteisch / tiberisch in die Zeit zwischen 10 und 20 nach Christus. Basis für diese Datierung waren erstmals insgesamt sieben unterschiedliche Charakteristika des Grabmals:

 
-          der Faltenreichtum der Toga
 
-          die Haartracht der Modestus-Statue
 
-           die Form der Toga mit Sinus und Umbo  
 
-           die Ausführung der Bauelemente / Reliefs
 
-          das in der Inschrift fehlende Cognomen des Poblicius
 
-          vergleichbare Grabbauten und Steine
 
-          die Alauden ( die Legion des Poblicius )

 
Die wichtigsten Hinweise für eine frühere Datierung des Poblicius-Grabmals geben die Statuen und ihre drei Charakteristika: 1. die Haartracht 2. der Faltenreichtum der Toga und 3. die Form der Toga. Dabei kommt der komplettierten Statue des Lucius Poblicius die größte Bedeutung zu.
Der Kopf, der dieser Statue zu zuordnen ist, zeigt eine Frisur, die in die Zeit des Kaiser Tiberius ( 14 bis  37 n. Chr. ) weist. Die nicht ausgebohrten Augenhöhlen, die man bei Statuen und Reliefs der frühen Kaiserzeit findet, sind ein weiterer wichtiger Hinweis für eine frühere Datierung des Poblicius-Grabmals.
 

                                       Kaiser Tiberius                                                                   Lucius Poblicius

Von großer Wichtigkeit ist in diesem Zusammenhang auch die Kleiderreform des Augustus, die die stoffarme, republikanische Toga durch eine stoffreiche Toga mit sinus und umbo ersetzt. Diese findet sich bei beiden Männerstatuen des Poblicius-Grabmals.
 
Die bis 1990 vertretene These, dass diese neue Togaform erst mit großer Verspätung - in  claudischer Zeit" - an Grabbauten in den römischen Rheinprovinzen auftaucht, kann sowohl durch den 1996 in Nimwegen gefundenen Tiberius-Pfeiler, als auch durch das 1998 gefundene Grabmal von M. Valerius Rufus in Strassburg-Koenigshoffen widerlegt werden.
 
Tiberius ist auf dem nach ihm benannten Pfeiler in Nimwegen in eine stoffreiche Toga mit Sinus und Umbo gekleidet. Auch die mittlere Statue des Grabmals in Strassburg-Koenigshoffen ( datiert in die Zeit um 17 n. Chr. ) zeigt bereits diese neue stoffreiche Togaform mit sinus und umbo.
  


Somit entfällt eines der Hauptargumente für die bisherige Datierung des Poblicius-Grabmals in die claudische Zeit.

Die bei allen früheren Datierungen aufgeführten Argumente hinsichtlich dem zeitlichen Auftreten der "Cognomina" und der "claudischen Frisur" bleiben zwar bestehen, müssen jedoch im Kontext mit der Bestattungsreihenfolge im Poblicius-Grabmal gesehen werden. Lucius Poblicius verstarb in tiberischer Zeit; sein Sklave Modestus in claudischer Zeit.
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Die Alauden ( die Legion des Poblicius )
 
Wie hilft die Alaudenlegion bei einer Datierung des Grabmals und damit dem Todeszeitpunkt des Poblicius ?
 
Fasst man alle in der Rubrik „Zu Lucius Poblicius“ beschriebenen Ereignisse zusammen, so leitet sich daraus folgende Lebenszeitachse des Poblicius ab.
 
Die Lerchenlegion wird um 25 v. Chr. von Augusrus aufgelöst. Lucius Poblicius wird mit ca. 30 Jahren als Veteran in Niedergermanien sesshaft.  Er bringt es in den folgenden Jahrzehnten als Kaufmann zu Reichtum und Wohlstand.
 
Um 15. n. Chr. wäre Poblicius bereits 70 Jahre. Aufgrund des hohen Alters kann man voraussetzen, dass er sein Grabmal  bereits in augsteiischer Zeit geplant hat und dass es in tiberischer Zeit - kurz vor sei-nem Tod - fertiggestellt wurde.
 
Die schmachvollen Ereignisse der fünften Legionen, letztlich auch die Meuterei einer fünften Legion um 14 n. Chr. in Niedergermanien muss Poblicius noch erlebt haben.
Als klare Abgrenzung zu den anderen fünften Legionen lässt Lucius Poblicius - in die Inschrift seines Grabmals  - voller Stolz den Namen seiner Legion, der ruhmreichen Alaudenlegion einmeißeln.
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Datierung über die Radiokarbonmethode C14
 
Im Rahmen der weiteren Forschung stellte sich die Frage, ob die vorgenannten sieben - auf Charakte-ristika des Grabmals und der Alaudenlegion basierenden Datierungsaussagen - faktisch abgesichert werden können. In der Archäologie ist dies immer dann möglich, wenn organische Relikte bei einer Grabung geborgen werden können. Zwei unterschiedliche Verfahren kommen dann zum Einsatz:

Einerseits die dendro-chronologische Datierung, falls Holzreste im Grabungsbefund auftreten. Ande-rerseits die Radiokarbonmethode, falls menschliche oder tierische Skelettreste als Beifunde gesichert werden können. Letzteres war bei der Poblicius-Grabung der Fall.

Im Grabungsareal wurden zahlreiche Skelettreste von Tieren, eine aus Tierhorn bestehende Schale, so-wie ein menschlicher Schädel geborgen.
 
Nach intensiver Beschäftigung mit der Radiokarbonmethode, einem Verfahren zur radiometrischen Datierung kohlenstoffhaltiger Materialien, wurde von mir und Dr. Krüssel entschieden, die Methode für eine mögliche Absicherung der Datierung des Poblicius-Denkmals einzusetzen.
 
Im Januar 2016 wurden Zähne aus dem Kiefer des menschlichen Schädels, Zähne eines Rindes und der Rand einer aus Horn gefertigten Schale der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Univer-sität Köln zur Verfügung gestellt und dort der Radiokarbondatierung unterzogen. Die Ergebnisse sind nachfolgender Tabelle zu entnehmen.

 
Jüngstes Relikt waren die Rinderzähne mit einem konventionellen Alter von 1864 +/- 39 Jahren und ei-nem Kalenderalter zwischen 65 n. Chr. und 240 n. Chr. Das Rind muss also - mittelt man das Kalender-alter - um ca. 130 n. Chr. in der wassergefüllten Senke, in der bereits die Quader des Poblicius-Denkmals lagen, verendet und später mit dem bei einem Hochwasser eingeschwemmten Lehm bedeckt worden sein.
 
Für den Rand der Hornschale ergab die C14-Datierung ein konventionelles Alter von 1962 +/- 39 Jahren und ein Kalenderalter zwischen 44 v. Chr. und 125 n. Chr. Mittelt man auch hier das Kalenderalter so muss das Tier, aus dessen Horn die Schale gefertigt wurde, um ca. 30 n. Chr. getötet worden oder veren-det sein. Wann die Schale aus dem Hornmaterial gefertigt wurde, wann sie zwischen die Quader des Grabmals gelangte, bleibt offen.
  
Das älteste Relikt war der menschliche Schädel mit einem konventionellem Alter von 2044 +/- 39 Jahren und einem Kalenderalter von 170 v. Chr. bis 50 n. Chr. Dieser Mensch ist - mittelt man auch hier den Toleranzbereich des Kalenderalters - mit großer Wahrscheinlichkeit um 45 v. Chr., also schon in repub-likanischer oder spätestens in augusteischer Zeit gestorben.



Zur Datierung der Entstehungszeit des Poblicius-Grabmals kann der Schädel allerdings nicht herange-zogen werden, da eine Verbindung und Zuordnung des Schädels zum Grabmal rein spekulativ wäre.
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Trotzdem kommt den C14 Datierungen der Rinderzähne, der Hornschale und des Schädels eine große Bedeutung zu, denn die Datierungen belegen zwei wesentliche Ereignisse der Kölner Stadtgeschichte:
 
 
1. Die zeitliche Einordnung der Zerstörung des Poblicius Grabmals
 
Wie bereits unter der Rubrik „Zur Zerstörung“ ausgeführt, muss das Poblicius-Grabmal schon bald nach seiner Entstehung, durch ein Rheinhochwasser unterspült und zerstört worden sein, denn nur so erklärt sich der verwitterungsfreie und von mutwilligen Zerstörungen freie Zustand der Reliefquader.
 
Die C14-Ergebnisse belegen nun, dass das Poblicius-Grabmal in den ersten Jahrzehnten des 1. Jahrhun-derts nach Chr. eingestürzt sein muss, denn nur so konnten die Hornschale ( 30 n. Chr ) und das Rinder-skelett ( 130 n. Chr. ) zwischen die Quader des eingestürzten Grabmals gelangen. Diese Senke muss folglich bis ins zweite Jahrhundert n. Chr. mit Wasser gefüllt gewesen sein.

2. Die Gründung der Ubiersiedlung.
 
Die frühe Datierung des menschlichen Schädels ist für die Kölner Stadtgeschichte von wesentlicher Be-deutung. Der Fundort des Schädels zwischen den Quadern des Poblicius-Grabmals belegt, dass ein Rheinhochwasser nicht nur die Fundamente des Poblicius-Denkmals und seines Nachbarbaus unter-spülte, sondern dass auch frühe Erdbestattungen an der Ausfallstraße nach Bonn freigespült wurden, wobei die Skelettreste zwischen die Quader des Grabmals gelangten.
 
Der Schädel, dessen gemitteltes Kalenderalter laut C14 Datierung ca. 45 v. Chr. ist, belegt folglich die Existenz einer Nekropole an Ausfallstraße nach Bonn, die schon in den letzten Jahrzehnten des ersten vorchristlichen Jahrhunderts vorhanden war und in der, nach römischer Tradition "extra muros"  also außerhalb einer Siedlung ( außerhalb des Oppidums ) bestattet wurde.
 
Für die frühe Gründung der Ubiersiedlung  -  bereits in der ersten Statthalterschaft des Agrippa um 39 / 38 v. Chr.  -  gibt es somit zwei unumstößliche Fakten:
 
I.                    Die Aufgabe des Dünsberg-Oppidums durch die Ubier im Jahr 30 v. Chr.
 
Dieses - durch Grabungsbefunde eindeutig datierte - Verlassen ihres rechtsrheinischen Zentralortes war den Ubiern nur möglich, wenn zu diesem Zeitpunkt bereits ein neues Oppidum existierte, das zumindest die gleiche Sicherheit bot, wie das stark befestigte Dünsberg Oppidum.

Da rechtsrheinisch bis heute kein neuer Zentralort der Ubier bekannt ist, bleibt als Ziel für ihre Umsiedlung nur das linksrheinische Oppidum Ubiorum. In den Jahren 39 / 38 ge-gründet und in den Folgejahren bis 30 v. Chr. von Römern und Ubiern befestigt und ausgebaut, bot es den Ubiern sicherheitstechnisch, strategisch und wirtschaftlich beste Voraussetzungen.
 
 
II.                  Der C14 datierte Schädel, der die Existenz einer Nekropole nach römischem Vorbild
                     an Ausfallstraße nach Bonn schon in den letzten Jahrzehnten des ersten vorchristlichen
                     Jahrhunderts belegt.        



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