Zur Inschrift - Das Grabmal des Römers Lucius Poblicius

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In den Jahren 1965 bis 1967 wurden von uns insgesamt vier große Inschriftquader gefunden.


Die obere Quaderreihe besteht aus drei Einzelquadern mit einer Gesamtbreite von 3,06 Metern.

Von der darunter liegenden Quaderreihe wurde nur ein Quader gefunden. Auf seiner Oberfläche, über dem Buchstaben "o" des Wortes "Modesto", zeigte dieser eine deutlich erkennbare Kerbe, die wir als Versatzmarke für die Quadertrennfuge der darüber liegenden Reihe erkannten. Somit konnte dieser Quader eindeutig als mittlerer Quader der unteren Quaderreihe identifiziert und bereits 1967 in unserer Ausstellung am Chlodwigplatz exakt - unter der Trennfuge der darüber liegenden Quaderreihe - positioniert werden.

Zur oberen Quaderreihe:

Aufgrund der auf diesen drei Quadern vollständig erhaltenen Inschrift ist die Übersetzung weitesgehend unstrittig. Sie lautet:

LUCIO * POBLICIO* LUC I I * FILIO *   TERETINA TRIBU

Dem Lucius Poblicius, Sohn des Lucius aus dem Bürgerbezirk der Teretina Tribu.

Lucius Poblicius stammt also gemäß der Inschrift aus dem Bürgerbezirk der Tribus Teretina. Ursprünglich war dies der Bezirk zwischen Rom und Neapel, später ist dieser Bezirk nicht mehr eindeutig zu umgrenzen, da sowohl Bürger aus Teilen Oberitaliens als auch aus südlichen Teilen Galliens dem Tribus Teretina Bezirk zugewiesen wurden. Poblicius und seine Familie stammen also mit größter Wahrscheinlichkeit aus Kampanien; könnten aber
auch aus Oberitalien oder Südfrankreich stammen.


Die zweite Zeile beginnt mit:

VETERANO * LEGIONIS * V(QUINTAE) *  ALAUDAE *  EX TESTAMENTO

Veteran der fünften Legion - Alaudae  ( die Lerchen )                  
Die zweite Zeile endet mit :   Gemäß dem Testament

Interessant in dieser Inschriftzeile sind die Ligaturen an ihrem Ende, im Wort Testamento. Dort hat der römische Steinmetz die Buchstaben TE, ME und NT zusammengezogen, um das Wort Testamento noch in dieser Zeile unterbringen zu können. Der Steinmetz hat also offensichtlich ohne Vorzeichnung gearbeitet und löste das daraus entstehende Platzproblem durch diese Ligaturen.

Damit lieferte er uns Ausgräbern bereits 1967 den Schlüssel für die ersten Rekonstruktionen des Grabmals; denn die erkennbaren Platzprobleme am Ende dieser Inschriftzeile deuteten auf eine seitliche Begrenzung der Inschrift durch Pilasterkanneluren hin. Aus der Inschrift mit 3,06 Metern und zwei Kanneluren mit je 0,42 Metern Breite ergab sich eine Frontbreite des Grabmalsockelgeschosses von 3,90 Metern.


Die dritte Zeile beginnt mit:

ET  *  PAULLAE  *  FILIAE
ET  *  VIVIS

und seiner Tochter Paula                    und den Lebenden


Zur unteren Quaderreihe:

Weil in der unteren Quaderreihe, sowohl der linke als auch der rechte Anschlußquader fehlen, gibt es, bezogen auf den ursprünglichen Text, zahlreiche Deutungs- und Ergänzungsversuche.

Die Vermutung der Archäologen Brigitte und Hartmut Galsterer, dass zwischen den zwei heute bekannten Quaderreihen der Inschrift eine dritte Quaderreihe einzufügen sei ( 5 ), kann man sicher ausschließen, wie ich in meinem Buch Grabungsfieber; Seite 244, 245 mit Hinweis auf die eingangs erwähnte Versatzmarke ausgeführt habe.
 
Bleiben wir also bei zwei Quaderreihen und betrachten die Untere:

In der nun folgenden, vierten Zeile der Inschrift wird noch eine weitere Person erwähnt:

ET LUCIO  POBLICI O * MODESTO * LUCII* ?

dem Lucius Poblicius Modestus, des Lucius?

Der letzte erkennbare Buchstabe der vierten Inschriftzeile ist, wie Untersuchungen ergeben haben, definitiv kein „F“, weil am aufgehenden, senkrechten Balken dieses Buchstaben kein Einschnitt eines waagerechten Mittelbalkens vorhanden ist. Folglich kann es sich bei Modestus nicht um einen Sohn des Poblicius handeln.

Weitere Untersuchungen wurden bis Ende 2014 nicht durchgeführt. Bis dahin wurde lediglich vermutet, dass es sich bei "Modestus" um eine der Familie nahestehende männliche Person gehandelt haben muss.


Nun schließt die fünfte und letzte Zeile an mit:    

H    *      M   *    H  *     N          * S

HOC   MONUMENTUM       HEREDEM  NON       SEQUETUR

Dieses Monument geht nicht auf die Erben über.

Diese hier aufgeführte Kurzformel ist von vielen anderen Grabbauten bekannt.

Über die Art und Weise wie diese Inschrift Im Zusammenhang ihrer fünf Zeilen zu lesen und zu verstehen ist, gibt es sehr unterschiedliche Auffassungen.


- Meine bis Ende 2014 vertretene Auffassung war wie folgt:

Die zweite Inschriftzeile schließt mit:      EX TESTAMENTO

Hier müsste die Inschrift mit einer Aussage fortsetzen, die erklärt, was gemäß dem Testament festgelegt ist.  Meiner Auffassung nach war diese Aussage in der fünften Zeile zu finden und ergab im Zusammenhang gelesen:

EX TESTAMENTO - HOC MONUMENTUM HEREDEM NON SEQUETUR

Gemäß dem Testament wird dieses Monument nicht vererbt, geht also nicht auf die Erben über.

Das Grabmal wurde also nicht, wie der übrige Besitz des Poblicius, weitervererbt. Daraus hatte ich geschlossen, dass Poblicius alleine im seinem Grabmal bestattet werden und verhindern wollte, dass seine Frau und seine Kinder Verfügungsgewalt über das Grabmal erhielten.

Der Zusatz: ET PAULLAE F und seiner Tochter Paulla und weiter  ET VIVIS   und den Lebenden ließen vermuten, das sich die Erben nicht an diese Verfügung hielten. Nachdem die Tochter Paulla bestattet wurde, sicherten sich die noch Lebenden mit ET VIVIS einen Platz im Grabmal.

Vermuten konnte man auch, dass die vierte Zeile der Inschrift später hinzugefügt wurde. Abgeleitet wurde dies aus der Erkenntnis, dass Cognomina  ( wie Modestus )  erst in der zweiten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus gebräuchlich wurden. ( 4 )   

- Neue Erkenntnisse zur Inschrift:

Nach meinem Vortrag im September 2014 am Bischöflichen Pius Gymnasium in Aachen ergab sich eine äußerst positive und interessante Zusammenarbeit mit dem Philologen und Vorsitzenden des Vereins "Pro Lingua Latina" Herrn Dr. Hermann Krüssel. In dieser Zusammenarbeit fiel Dr. Krüssel der klassisch-philologische und epigrafische, und mir der archäologisch-technische Teil zu. Viele der bisher zum Poblicius Grabmal gewonnenen Erkenntnisse u.a. auch die Frage nach der Ergänzung der Inschrift wurden in den Folgemonaten hinterfragt und neu bewertet.

Wie schon ausgeführt, kann eine zusätzliche Quaderreihe zwischen den heute bekannten beiden Quaderreihen, wegen der Versatzmarke auf der Oberfläche des Modesto-Quaders sicher ausgeschlossen werden. Die Inschrift besteht folglich aus fünf Zeilen, von denen die beiden letzten, wegen der fehlenden Anschlussquader, unvollständig sind. Die fünfte und letzte Zeile ist aber mit der von vielen Grabbauten bekannten Kurzformel:

HOC           MONUMENTUM           HEREDEM          NON                   SEQUETUR

sicher zu ergänzen.

Der Focus für eine Ergänzung richtete sich damit auf die vierte Zeile und dort ganz speziell auf den letzten Buchstaben. Wie schon ausgeführt, handelt es sich bei diesem Buchstaben definitiv nicht um ein "F", welches als Abkürzung für "Filius" gestanden hätte.

Modestus ist also kein Sohn des Lucius Poblicius. Da er aber in der Inschrift erwähnt wird und deshalb auch im Grabmal bzw. dessen Grabgarten bestattet wurde, muss er der Familie sehr nahe gestanden haben. Somit kann mit ziemlicher Sicherheit festgestellt werden, dass es sich bei Modestus um einen Freigelassenen des Poblicius handelt, der, wie bei den Römern üblich, den Namen seines Herren angenommen hatte, allerdings mit dem Cognomen Modestus.



- Die Ermittlung möglicher Endbuchstaben

Wichtigster Ansatzpunkt zur Ergründung der Identität des Modestus war damit der letzte Buchstabe der vierten Zeile. Der Rückgriff auf alte Fotos und spezieller Vergrößerungen bestätigten, dass beim senkrechten Balken des letzten Buchstaben kein Einschnitt eines waagerechten Mittelbalkens vorhanden war. Neben dem Buchstaben "F" schieden mit Blick auf das Alphabet und Detailbetrachtung der Schrifttypen eine Vielzahl von Buchstaben aus.





Übrig blieben nur fünf mögliche Buchstaben. "B, D, I, N und P".

Trotz waagerechtem Mittelbalken konnten die Buchstaben B und P nicht ausgeschlossen werden, weil bei den verwendeten Schrifttypen der Buchstaben B und P der waagerechte Mittelbalken nicht zum aufgehenden, senkrechten Balken herangeführt wird, sondern weil dieser vorher spitz ausläuft.


- Die Überprüfung des zur Verfügung stehenden Platzes

In einem nächsten Schritt musste nun überprüft werden, welcher Platz in der vierten Zeile, vor und hinter dem Modesto-Quader für eine Ergänzung zur Verfügung stand. Zu klären war, ob vom Raum her die Möglichkeit gegeben war, dass neben Modestus noch eine weitere Person in dieser Zeile aufgeführt sein könnte.

Der Plural bei ET VIVIS ..und den Lebenden.. legte solch eine Vermutung nahe. Dies kann aber auch nur eine in Stein gemeißelte Option sein, die später nicht zwingend erfüllt worden sein muss.

Beim Vergleich alter Inschrift-Fotos vom Chlodwigplatz und neuer Inschrift-Fotos vom Grabmal im Römisch-Germanischen Museum traten Maßunterschiede auf, die deutlich machten, dass bei der Rekonstruktion im RGM die Versatzmarke auf der Oberfläche des Modesto Quaders nicht berücksichtigt und dieser Quader um 7 bis 8 cm zu weit nach links gesetzt wurde.




Bei der fototechnischen Ergänzung der Inschrift musste deshalb auf die alten Inschrift-Fotos zurückgegriffen werden.


- Die Ergänzung der vierten Zeile

Unter Berücksichtigung der vorbeschriebenen Fakten, die Modestus nur als Freigelassenen des Poblicius erklären, wurde die vierte Zeile, wie folgt ergänzt:

ET  * L * POBLICI O * MODESTO * L * Poblicii  *  Liberto

In Anlehnung an die dritte Zeile, in der die weiteren Personen mit einem "ET" hinzugefügt sind, wurde auch in der vierten Zeile der Namensnennung ein "ET" vorangestellt.







Die fototechnische Ergänzung der Inschrift - unter Verwendung gleicher Schrifttypen und Abstände - zeigt, dass mit dem aufgeführten Text die Schriftzeile vollständig gefüllt wird.

Es bleibt also kein Platz mehr für die Nennung einer weiteren Person.

Platz für die Nennung einer weiteren Person bleibt auch dann nicht, wenn der genannte Text mit den bei römischen Inschriften üblichen Abkürzungen gestaltet wird :

ET  * L * POBLICIO * MODESTO * L * P  *  Lib





Folglich kann die erstgenannte Ergänzung ohne Abkürzungen als realistische Version  angenommen werden.


- Die neue Interpretation der Inschrift

Unter der Voraussetzung, dass man das "ET" vor PAULLA, vor VIVIS und vor L * POBLICIO * MODESTO als "ETIAM" liest, was in der lateinischen Lesart sehr oft vorkommt, ergibt sich im Zusammenhang folgende Aussage:

EX TESTAMENTO
                    
ETiam * PAULLAE * Filiae                    ETiam * VIVIS

ETiam * L * PobliciO * MODESTO * L * Poblicii * Liberto

Gemäß dem Testament auch für seine Tochter Paulla und die Lebenden und auch für Lucius Poblicius Modestus, den Freigelassenen des Poblicius.
                                          


- Zusammenfassung zur Inschrift

Konkret erwähnt die Inschrift drei Personen: Lucius Poblicius, seine Tochter Paulla und Lucius Poblicius Modestus, seinen Freigelassenen.

Da die Aedikula an ihrer Frontseite drei Interkolumnein aufweist, finden die Statuen dieser drei Personen dort Platz.

Im Grabungsareal wurden aber insgesamt vier Statuen bzw. deren Reste gefunden. Dies hat in der Vergangenheit immer wieder zu der Frage geführt, mit welcher Statue, welche Person dargestellt ist und wo sie am Grabmal platziert war.

Unter der Rubrik: Zu den Statuen wird auf diese Frage und die neuen Erkenntnisse eingegangen.



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